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Tankschiffahrt

Von Fritz W. Schulz, Marinemaler

 

Hamburger Hafen, Puls Europas, der du ja deutlich zeigst, ob das alte Herz noch seinen rechten Gang geht. Da liegst du wieder einmal vor mir mit deinem brausenden Tagewerk. Durch dein zuckendes Leben hindurch muß ich zu meinem Schiff, das drüben am Reiherstieg seine Werftliegezeit eben beendet. An Bord grüßen mich offene herzliche Worte, drücken harte Hände die meinen. Wie schnell man doch auf einem Schiff heimisch ist.

Der „Blaue Peter“ weht, die Reedereiflagge steigt empor, laute Kommandos - die Schlepper kurbeln an. Wir sind in Fahrt. Hoch aus dem Wasser liegt das Schiff, die leeren Tanks harren der Füllung im fernen Texas.

Schnell bleibt die Barkaß der Reederei zurück, zurück sinkt die weiß und rot leuchtende „Monte Olivia“, die Landungsbrücken. Bald verblaßt der „lange Michel“ hinter uns, Altona, Övelgönne, Blankenese ziehen vorüber, wir fahren im langsam sinkenden Abend mit den gelben Fluten der Elbe dem Meere zu.

Brunsbüttel und Cuxhavens Lichter spiegeln sich im Strom, voraus leuchten die feurigen Wächter der Elbemündung, dann wird Dunkelheit - die offene Nordsee ist unsere Straße.

Der erste Morgen in See, der erste von 22 Reisetagen. Einförmig finden so viele, die sich Menschen nennen, die große Straße der Völker, das Meer. Einförmig! Die Mutter aller Dinge, die Ewigkeit auf unserem träge sich wälzenden Planeten, die war und sein wird - zeitlos ist das Meer. Gewiß launisch ist die See, schmeichelnd lau und eisig durchkältend, tückisch und doch zum Dienste willig, bald unschuldig lächelnd, bald zornesmutig tobend. Wer will es ihrer Urkraft verdenken, wenn sie so ein winzig Menschenwerklein zerstört? Merkt denn der Riese die zertretene Ameise? Alles ist die See, Grab für viele und Gebärerin und Nahrungsquelle für alle, alles ist die See, nur nicht einförmig. - Und diese Prachtmenschen, die das Schiff trägt. Ständig ihrer Verantwortung bewußt, stetig in der Arbeit. Wie ein Uhrwerk laufen ihre Tage ab, Tage des Tankschiffers, schwere Arbeit und bittere Mühe bringend. Rau die Schale der Seeleute, edel der Kern. Sie stehen dem Weltgetriebe fern, zu selten dürfen sie den Fuß aufs Feste setzen. Das Öl der Erde, das sie fahren ist eine eifrige Herrin. Sie kennt ihren Wert und ihre Notwendigkeit, sie duldet nicht, daß man sie lange ruhen läßt. Zu ungeheuer sind die Kräfte, die in ihr ruhen, als daß sie lange warten könnten auf den Tag der Befreiung. Hin und her treibt sie den Schiffer, hinüber und zurück übers Meer. Wie ruhig und in sich gefestigt muß seine Seele sein, daß ihn diese Hast, dies Jagd nicht unruhig machten, daß er fröhlich bei seiner Arbeit steht, fröhlich die so kurzen Feierstunden genießen kann. Ein Geheimnis soll um die blaue Farbei sein, das noch keiner erkannt. Blau sind die ozeanischen Wasser. Sollte aus diesem Blau das strahlen, was den Seefahrer so gefestigt in sich, so geruhig, so arbeitsfreudig, so sicher und selbstgenügsam macht? Prächtig sind die Menschen, die das Schiff trägt.

Und bitterkalt ist ihre Arbeit.

Was weißt du, Mensch an Land, von der Hitze der Tropen, von der Wut des Sturmes, von dem ätzenden Brodem des Öls! Du fürchtest schon die See allein. Nun siehe den Tankfahrer! In den dampferhitzten Bauch des Schiffes steigt er, ihn zu säubern, beißende Laugen nimmt er zur Hilfe, und doch geht es fast über Menschenkraft, was er sich vorgenommen. Du Landmensch, glaubst wunders, was du ertragen mußt; denke einmal bei deiner leichten Mühe an die Schwere im Tankschiff, an die Männer in der Hölle des heißen, stinkenden Tanks; die ihn reinigen, damit du Licht und Kraft hast, damit dich schwere Wagen auf glattem Asphalt bequem dahintragen. Und erkenne, daß du das bessere Los gezogen.

Das Land der Sehnsucht vieler, Amerika, taucht auf. Hindurch zwischen den Inseln - bald siehst du die sonnigen Gestade Floridas vor dir, - Miami und Palm-Beach schimmern im Morgenlicht zart wie Pastell herüber. Der Tankmann darf sie sehen, besuchen nicht. Kein Öl schuf dort einst vor Urzeiten die Natur; das trennt ihn von Floridas Märchenküsten.

Tiefblau ist der Golf von Mexiko. Welcher Maler wagte den Farbenzauber des Tageserwachens und -verscheidens zu fassen? Welche Palette hat die Farbsinfonien der überreichen Natur? Im Abendgold winkt Texas Küste, der Anker faßt Grund - Boden der Neuen Welt.

Hinauf zu den Quellen des Öls, eng ist die Fahrrinne im breiten Wasser. Eng aneinander passieren die Schiffe, man könnte grüßend hinüberreichen. Es wimmelt von den Trägern des Öls, den Tankschiffen, die Farben aller Völker grüßen sich hier. Das Öl ruft sie, das Öl treibt sie wieder fort, sie alle stehen in seinen Diensten. Eine Weltmacht ist das Öl.

Das Schiff liegt fest, liegt fest an Amerikas Gestade. Das Öl rausch heran, rauscht hinein. In endloser Reihe ragen seine Bohrtürme in den Himmel, endlos die Reihe der runden Behälter, silbern schimmernd gegen Tropenglut. Und hinter allem eine drohende schwarze Wolke - dort zwingt man das Öl in die dem Menschen genehme Art. Harte Gesichter der Männer des flüssigen Goldes, seltsam ihre Hantierung oft, fremd die Bauten an Land, die Neger, die Mexikaner, die Mischlinge. Wir haben keine Zeit, alles recht zu schauen, wir haben unser Öl im Schiff, Hamburg wartet darauf.

Wir gehen den Weg zurück - die enge Straße, den Golf, Florida. Nördlicher Kurs, denn Wetter drohen. Bermuda, einst wohl eines Berges Spitze im versunkenen Atlantis, gleitet im Abendschein vorüber.

Die Männer an Bord bekämpfen den Rost, mit Hämmern und stählernen Bürsten vertreiben sie den Erzfeind der eisernen Schiffe. Farben decken seine Schäden und schützen vor neuen Angriffen des ständig lauernden Feindes.

Bald flieht das gute Wetter. Regen droht die eben beendete Arbeit zu zerstören. Eifrig hilft ihm die See dabei, ihr Salz als zerstörendes Mittel ihm bietend. Zornig knurrt der Ozean. Er tobt auf anderer Stelle, wie uns die Funken durch den Äther kundtun, er hat für uns nicht Kräfte frei. - Im englischen Kanal. Wie Rauch die Küste Albions, grau, trübe. Neben uns ein anderes Tankschiff, Öl für Holland führt es. Drei Tage bleibt es bei uns; doch hat der Tankschiffer Zeit, sich zu grüßen? Gute Freunde, alte Fahrtgenossen hüben und drüben, drei Tage zum Greifen nahe und doch so fern einander. Die Welt will Öl, was schiert sie eure Freundschaft!

Unwillig tobt die Nordsee, zeigt uns noch einmal, was sie kann, wirft uns derb hin und her. Kein Lotse draußen vor der Elbe, wo er sonst die Schiffe erwartet. Helgolands Feuer verschwand längst hinter der nächtlichen Kimm, als er nahe der Elbmündung endlich an Bord klimmt. Und wieder grüßen uns, wie vor Wochen, die Feuer vor Cuxhaven und Brunsbüttel, im Morgendämmern Blankenese. Bei Aufgang des Tagesgestirnes liegen wir vor den Schläuchen, die gierig warten, das Öl aus unserem Schiff in die runden Behälter an Land zu saugen. „Standard“! Das Wort leuchtet in Rot und Weiß vor uns, von der Brücke, die das Öl an Land trägt.

Hier wie drüben, Männer mit harten Gesichtern, Behälter am Strande, und hinter diesen die Wirtschaft, das Volk, die drüben Öl geben und hier Öl fordern. Zwischen beiden die Stillen, Fleißigen, Festen, die es bringen, durch Tropenhitze und Eiseskälte, durch ruhige See und harten Sturm: Die Tankschiffer.

Und wieder zurück in den Alltag. Sie klatschen und tratschen, sie treiben Politik - oder was sie so nennen. Und draußen rauscht der Ozean sein ewiges Lied!

Tankschiffer, ich grüße euch.

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